|
|
| Akupunktur - Behandlung einzelner Krankheitsbilder | |||||
|
Stressbewältigung mit AkupunkturRalph RabenZusammenfassungAkupunktur hat oft unmittelbare Wirkungen auf das seelische Befinden von Patienten. Entsprechende Erfahrungen sind schon vielfach in der Literatur beschrieben. Diese Effekte werden zunehmend in der Behandlung von psychiatrischen Patienten und Traumapatienten (PTSD) genutzt. Insbesondere der non-verbale, non-konfrontative Ansatz und Behandlungsstil führt dazu, dass viele an sich als schwierig, unzugänglich, ja unbehandelbar geltende Patienten an eine Therapie herangeführt werden können und dauerhaft teilnehmen. Kinder können gut mit der so genannten „Perlentherapie“ erreicht werden: ADS/ADHS-Patienten profitieren nach ersten Erfahrungen und Pilotstudien davon. Akupunktur kann erfolgreich bei gestressten Menschen eingesetzt werden und zeigt oft innerhalb von Minuten Effekte. Hier kann und muss noch weiter geforscht werden. 1. EinleitungDie NADA (National Acupuncture Detoxification Association) sah bislang ihre wesentliche Aufgabe darin, das Element der Akupunktur in die konventionelle Behandlung von Suchtkranken (Alkohol, Drogen, Medikamente) zu integrieren: Akupunkturgestützte Entgiftung, Rehabilitation und Rückfallprophylaxe. Diese „Behandlung nach dem NADA Protokoll“, die von Michael Smith und Mitarbeitern bereits Mitte der 70er Jahre in New York (Lincoln Hospital/Bronx) initiiert wurde, findet derzeit in etwa 230 deutschen Therapieeinrichtungen statt. Rund 1200 Mitarbeiter dieser Teams, vor allem Krankenschwestern und Ärzte, Sozialarbeiter und Therapeuten, aber auch Ex-Junkies und Heilpraktiker wurden während der letzten 10 Jahre von NADA Trainern in „Akupunktur nach dem NADA Protokoll“ ausgebildet. Inzwischen hat sich gezeigt, dass das NADA Protokoll über die Suchttherapie hinaussinnvoll angewendet werden kann. Hier sind drei Bereiche zu nennen: 1. in der allgemein psychiatrischen Behandlung 2. zur Stressbewältigung und Behandlung von Trauma-Opfern 3. in der Behandlung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) bzw. Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) 2. Neue Anwendungsgebiete der NADA-Therapie2.1 Akupunktur in der Behandlung psychiatrischer PatientenAkupunktur allein heilt nicht die Sucht. Die Erfahrung zeigt, dass sie eine Reihe von Symptomen vegetativer Störung lindert, oft schon nach wenigen Minuten zu Entspannung führt und dass Patienten körperlich und seelisch stabiler werden. Akupunktur hilft Patienten, den täglichen „Stress mit sich selbst und im Angesicht anderer Menschen“ besser auszuhalten. Man kann auch sagen, dass Akupunktur den innerlich gestressten, geschwächten Menschen stärker macht. So können Patienten schließlich anstrengende verbale und auch notwendige medikamentöse Therapie besser aushalten und akzeptieren. Ihre Compliance verbessert sich, sie sind kooperativer. Das gilt nicht nur für Suchtkranke. Auch Patienten mit Wahnvorstellungen, Borderline Störungen, Depressionen und anderen psychiatrischen Krankheiten können vom stabilisierenden Effekt der Akupunktur profitieren. Amerikanische Autoren haben darüber seit den 70er Jahren publiziert (1, 2, 3, 6). Erfahrungen mit der Behandlung gibt es auch bereits im deutschen Sprachraum. Auf der NADA Konferenz 2003 in Hamburg fand ein lebhafter Austausch statt. Hier seien die Erfahrungen des BKH Taufkirchen, Fachkrankenhaus für Psychiatrie und Psychotherapie, genannt. Auch die Rheinischen Landeskliniken Düren wenden das NADA Protokoll (Summa-Lehmann und Mitarbeiter) seit mehreren Jahren außer in der Suchtmedizin in der allgemeinen Psychiatrie an. Summa-Lehmann berichtete, dass die Einführung des NADA Protokolls günstige Wirkungen auch auf das Behandlungsteam zeigt. Über die besonderen Wirkungen bei psychiatrischen Patienten berichtete der Psychiater v. Berghis (Heinrich-Sengelmann-Krankenhaus bei Hamburg). Die Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf arbeitet schon seit längerer Zeit mit dem NADA Protokoll in der Detoxifikation; seit Herbst 2003 nun auch bei allgemein psychiatrischen Patienten der Tagesklinik. Oberarzt Aderholt sieht dabei „erstaunliche Effekte“ (persönliche Mitteilung). Ein Forschungsvorhaben darüber ist in Vorbereitung. Übereinstimmend wird berichtet, dass die Compliance der Patienten entscheidend vom Behandlungsstil des Teams abhängt (offene Gruppe, non-konfrontativ, wenig-verbal). NADA bildet während der letzten Jahre zunehmend Teams psychiatrischer Einrichtungen aus, um Akupunktur in das tägliche Behandlungskonzept zu integrieren. 2.2 Die Katastrophe vom 11. September 2001 in Manhattan und die Anwendung der NADA-Therapie für „Stressopfer“Die Krankenschwester Joan Dolan nahm am Abend nach der Katastrophe an einer Besprechung der psychiatrischen Abteilung des St. Vincent Hospital (Lower Manhattan) teil. Es ging um die psychiatrische Versorgung der vielen seelisch schwer traumatisierten Opfer und ebenso ihrer traumatisierten Helfer (Rettungsmannschaften, Feuerwehrleute). Anstatt nur Tranquilizer auszuteilen, hatte sie die Idee, einen einfachen Therapieraum für möglichst viele Patienten zu schaffen, so wie sie es in ihrer NADA-Ausbildung zur akupunkturgestützten Suchtbehandlung einige Jahre zuvor am Lincoln-Hospital kennen gelernt hatte. Sie verständigte weitere NADA-Kollegen, bekam die Zustimmung vom Chefarzt, tatkräftige Unterstützung und Akupunkturnadeln aus der Bronx vom Lincoln Recovery Center (Smith, Morgan, Alvarez) und richtete mit wenigen Mitteln einen Raum auf dem Dachboden des Hospitals her. Dort boten die Kollegen ab 12. September Akupunkturtherapie nach dem NADA Protokoll in der Gruppe an.Zuerst kamen die traumatisierten Helfer, die so eine Katastrophe noch nicht erlebt hatten: Helfer, Rettungsleute, Feuerwehrleute, Krankenschwestern. Viele waren außer sich, konnten nicht schlafen, nicht sprechen, nicht weinen, nicht ruhig sitzen, waren schockiert. Schließlich kamen auch Menschen, die als Passanten, Flüchtende und Überlebende keine Ruhe mehr fanden, nicht sprechen konnten oder wollten und Symptome von „Stressopfern“ zeigten: Heftige innere Unruhe, Schlaflosigkeit, Fixierung auf das Erlebte, körperliche Symptome von Herzrasen bis Dauererbrechen, Rückfälligkeit bei früherer Alkohol- oder Drogenerkrankung (Posttraumatische Belastungsstörungen, PTSD). Innerhalb weniger Tage hatte sich das Angebot (Akupunktur, Handmassage), das zunächst auf wenig verbalen Zugang zum Traumatisierten setzt, herumgesprochen. Der Klinikraum war täglich mehrere Stunden geöffnet und gut gefüllt. Die Patienten kamen wieder und wieder zur Behandlung, bedankten sich, konnten ohne viel zu reden mit anderen den Raum, das Schicksal, die Anteilnahme teilen, aber auch aushalten. Sie saßen dort, 5 Nadeln in jedem Ohr, gingen wieder, viele, um anschließend wieder auf dem „Ground Zero“ nach Überlebenden zu suchen. „Ich konnte nicht mehr schlafen und ich musste mich ständig erbrechen. Nach der Behandlung war ich ruhiger und mein Kopf wurde wieder klar, die Schmerzen hörten auf.“ (Eine von vielen derartigen Aussagen von Überlebenden der Katastrophe vom 11. September 2001) Das Projekt war erfolgreich, und es wurde so gut angenommen, dass diese improvisierte „Stressklinik“ in der Nähe von „Ground Zero“ bis heute, fast drei Jahre danach, arbeitet und viele Unterstützer gefunden hat. 2.3 Die Behandlung von „hyperaktiven“ Kindern Diagnose: ADS und ADHS Die Behandlung von Kindern mit ADS/ADHS ist ein großes Thema. Die Störung scheint weit verbreitet, viele Kinder leiden darunter, möglicherweise werden aber auch viele Kinder und Jugendliche in diese Diagnose-Kategorie gesteckt, weil Ritalin ihnen ex iuvantibus half. Ritalin ist ein Amphetaminderivat (= Methylphenidat = ein zentral wirksames Sympathomimetikum), das dem Betäubungsmittelgesetz untersteht. Eltern, Lehrer und Kinderärzte führen bei uns wie in den USA eine Diskussion um den Nutzen und Schaden von Ritalin-Behandlungen. Gäbe es eine Behandlung mit geringeren Nebenwirkungen, die bei den jungen und älteren Patienten effektiv ist, wären alle Beteiligten dankbar. Im Lincoln Hospital (N.Y.C.) setzten zunächst Michael Smith und Mitarbeiter Akupressurpflaster ein. Sie verwendeten kleine magnetische vergoldete Stahlkügelchen und applizierten die „Perlen“ mit 5 x 5 mm kleinen Heftpflaster auf die Ohrrückseite („Retro-Shenmen) beider Ohren. Sie beließen die Kügelchen dort einige Tage ohne jede Stimulation, bezogen die Mütter in die Behandlung mit ein und sahen die Kinder Woche für Woche wieder. Die Compliance der Kinder für diese Behandlung war besonders gut. Die Goldkügelchen wurden eher als Geschenk erlebt. Die Psychiater sahen erhebliche Effekte oft schon nach wenigen Behandlungen: innere und äußere Unruhe waren gelindert, die Patienten, ihre Eltern, aber auch ihre Lehrer vermerkten bessere Konzentration, und die Kinderpsychiater registrierten bei ihnen bessere Testergebnisse. Smith und Lenney initiierten deshalb eine Pilot-Studie in Bronx mit 60 Kindern, die in jugendpsychiatrischer Behandlung waren. Die therapeutischen Erfolge mit der von ihnen so genannten „Perlentherapie“ waren sehr ermutigend (4). Ebenfalls durch Michael Smith wurde eine Studie zur „Perlentherapie“ in einem US-Internat für verhaltensgestörte und psychiatrisch auffällige Kinder und Jugendliche angeregt. Auf der US-NADA-Konferenz 2003 in Washington D.C. wurde von Mary Mortenson zunächst über 13 Jungen berichtet, die im Rahmen dieser Studie sechs Wochen lang mit vergoldeten Akupressurperlen behandelt wurden: 11 von ihnen zeigten erhebliche Besserungen in ihrem Verhalten, die auch noch mehrere Monate danach anhielten. (5) Diese Studie wird fortgesetzt und wird 2004 abgeschlossen. Seit zwei Jahren gibt es in einer Schule in Manhattan ein Stressbewältigungsprojekt. Schüler und Lehrer nehmen am Akupunkturgestützten Stressbewältigungsprogramm teil. Darüber wurde auf der NADA Tagung 2002 in Stuttgart berichtet (Heike Stubbe und Astrid Wessel, 2002). Diese beiden Therapeutinnen und NADA Kolleginnen haben 2003 in Hamburg eine Behandlungseinrichtung geschaffen, in der Kinder und Eltern bei ADS/ADHS Akupunktur und „Perlentherapie“ bekommen können. Effekte bei Kindern und Eltern können oft schon nach kurzer Behandlungszeit auftreten (Kontakt und Erfahrungsaustausch über NADA). Schlussbetrachtung Die Einführung von Akupunktur in die tägliche und reguläre Behandlung von psychisch gestressten, gestörten und psychiatrisch kranken Menschen ist eine bedeutende Innovation. Unter Akupunktur, insbesondere in geeignetem Setting, werden diese Patienten ausgeglichener und offener und eher für verbale und auch medikamentöse Behandlungen zugänglich. Die Behandlung von ADS/ADHS-Kindern mit Akupunkturpflastern scheint ein einfacher, gangbarer und effektiver Behandlungsweg zu sein, neben psychotherapeutischer Intervention und Pharmakotherapie. Akupunktur kann erfolgreich bei gestressten Menschen eingesetzt werden und zeigt oft innerhalb von Minuten Effekte. Hier kann und muss noch geforscht werden. Literatur 1. Esser AH, Botek ST, Gilbert C. Acupuncture Tonification: Adjunct in Psychiatric Rehabilitation. 2. Fullilove MT, Smith MO. Acupuncture as Treatment for the Borderline Personality Disorder. 3. Kane J, Discipio W. Acupuncture Treatment of Schizophrenia: Report on Three Cases. 4. Lenney J. Wirkungen von Akupressur bei Kindern mit ADS/ADHS und anderen psychiatrischen Störungen. Vortrag NADA Konferenz, 12.9./13.9.2003, Hamburg 5. Mortenson M. “The Reed Academy Experience”. (Vergoldete Magnetperlen zur Behandlung von Jungen mit ADHS, bipolaren Störungen und Asperger-Syndrom) 6. Smith MO, Atwood T. Acupuncture May Prevent Relapse in Chronic Severe Psychiatric Patients. Presentation on “The 1995 Conference of The National Acupuncture Detoxification Association”, New York, 21.4. – 23.4.1995 Dr. med. Ralph Raben NADA Deutschland Aus: Deutsche Zeitschrift für Akupunktur DZA, 47. Jahrgang 2/2004, Seite 18-20 Mit freundlicher Abdruckgenehmigung von Chefredakteur Thomas Ots
|