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| Akupunktur - Politik, Patienteninformationen und Buchkritik | |||||
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Heftige Kritik an „Die Andere Medizin“ von der Stiftung WarentestBewertungen des Buches „Die Andere Medizin“ von der Stiftung Warentest sind ist äußerst kritisch.Prof. Ernst ist einer der Hauptautoren. Er hat sich mit hunderten von Publikationen zu den Naturheilverfahren zum Forschungsexperten gemacht, viele meinen deshalb zum Forschungspapst für Complementärmedizin.Hier sind dazu 8 Fragen an Prof. Gustav Dobos vom Lehrstuhl für Naturheilkunde der Universität Essen.1. Wie bewerten Sie grundsätzlich die Ergebnisse der „Warentest-Studie“? Grundsätzlich ist das Bemühen der Stiftung Warentest um eine kritische Bewertung der bestehenden komplementären Heilverfahren zu begrüßen. Das Ziel, die Spreu vom Weizen zu trennen, also die medizinisch hilfreichen und nebenwirkungsarmen Verfahren von den spekulativen, unplausiblen oder nebenwirkungsreichen Verfahren zu differenzieren ist in jedem Fall sinnvoll. Bei der Beurteilung, ob ein Verfahren als "geeignet", "wenig geeignet" oder "nicht geeignet" beurteilt wird, haben sich die Autoren jedoch leider auf eine fehlerhafte Rückschlussanalyse verirrt, die lautet: Wenn keine Studien zu einem Verfahren vorliegen, ist dieses Verfahren ungeeignet. Ein schwerwiegender Kritikpunkt des Buches der Stiftung Warentest ist ferner, dass die Verfasser des Buches nicht die Quellen (Studien) angegeben haben, auf die sich die Beurteilungen beziehen. Dies macht eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Buch unmöglich. Die Fehlbeurteilung betrifft vor allem nebenwirkungsarme Verfahren, bei denen klare Hinweise für eine Wirksamkeit bestehen, die aber (noch) nicht vollständig überzeugend erforscht sind. Hierzu zählen u.a. Akupunktur bei chronischen Schmerzen, Heilfasten, Mikrobiologische Therapie bei CED, Schröpfen und Yoga. Akupunktur zur Behandlung bei Kopfschmerzen wird auch als wenig geeignet beurteilt. Dies ist sicherlich angesichts der aktuellen Studienlage schlicht und einfach falsch. Konkret liegen zusätzlich neben einer Vielzahl von Studien zur Wirkung der Akupunktur beispielsweise klare Wirkungshinweise (Evidenzen) für die chinesische Tui-na-Massage bei Rückenschmerzen, die Anwendung von Tai-ji (Schattenboxen) bei Schwindel und Stürzen älterer Menschen und die chinesische Phytotherapie bei Malaria und Reizdarm vor. Zudem muss erwähnt werden, dass die naturheilkundliche Forschung noch in den Kinderschuhen steckt. Erst seit 8 Jahren wird diese auf Hochschulniveau betrieben. In den U.S.A. stellt das staatliche Forschungsinstitut NIH jährlich 140 Mio. US$ Forschungsgelder für CAM zur Verfügung. Wenn mit dem Buch der Stiftung Warentest nun eine Bewertung unterschiedlichster Naturheilverfahren erfolgt, wird damit das Bemühen dieses weite Gebiet zu erforschen ad absurdum geführt: Es wird Forschung beurteilt, die noch gar nicht stattgefunden hat, nach dem Motto: ‚Nicht erforscht, also ungeeignet’! 2. Auch die Bewertung der TCM war durchweg negativ: Wirksamkeit der TCM nicht belegt…Diagnostik nicht zuverlässig…Nutzen-Risiko-Abwägung negativ… Was sagen Sie zu diesen Ergebnissen? Hier spiegelt sich ein gravierendes Verständnisproblem der Autoren wider. Es ist völlig unklar, wie man die Akupunktur auf der einen Seite als weitgehend positiv bewerten kann und die TCM auf der anderen Seite als durchweg negativ. Das macht überhaupt keinen Sinn, denn die Akupunktur ist eines der wichtigsten Behandlungsverfahren innerhalb der TCM! Sie ist eingebettet in das System der TCM und mit dem gesamten Gedankengebäude untrennbar verwoben. Die Autoren konstatieren, dass TCM ein komplexes Therapiesystem darstellt, bei welchem Einzeltherapien individualisiert kombiniert werden. Da klinische Studien nur zu den Einzeltherapien vorlägen bisher aber kaum "TCM als gesamtes Therapiesystem" untersucht worden sei, dürfe die Wirkung der TCM als "nicht nachgewiesen" gelten und damit für die Anwendung als nicht geeignet betrachtet werden. Diese Argumentation ist meiner Ansicht nach nicht tragbar (s.o.). Da ja in der "Konventionellen Medizin" (Schulmedizin) auch immer nur einzelne Verfahren getestet werden, wäre nämlich in dieser Logik auch die Konventionelle Medizin als Gesamtverfahren bei den meisten Indikationen als nicht geeignet zu beurteilen. 3. Was ist aus Ihrer Sicht das Wertvolle an der TCM? Welche Vorteile sehen Sie in der Diagnostik der TCM? Was zeichnet die TCM in der Therapie aus? Die TCM stellt ein Medizinsystem dar, dessen Stärke in einem individualisierenden Ansatz der differenzierten Erfassung und Behandlung vor allem psychovegetativer Störungen und Befindlichkeitsstörungen besteht. Auch in der Behandlung chronischer Schmerzzustände liefert die TCM hilfreiche Therapieansätze im Kontext einer multimodalen integrativen (d.h. Schul- und Komplementärmedizin) Behandlung. Durch die Diagnosemethoden der chinesischen Medizin (hier die Methode der Differenzierung von Leidenszeichen (oder Syndromdiagnose) wird die Individualität einer Erkrankung beobachtet, und der Tatsache Rechnung getragen, dass jeder Organismus seiner eigenen Konstitution und den spezifischen Umständen entsprechend Krankheitszeichen zeigt. Dies ist ein interessanter Ansatz, der unsere gängigen Diagnosemethoden um eine alternative Perspektive erweitert. 4. Für viele gilt die chinesische „Kräutermedizin“ als die Königsdisziplin in der TCM. Bei welchen Krankheitsbildern kann von einer hohen Wirksamkeit ausgegangen werden? Bitte ein zwei konkrete Beispiele, möglichst auch einen Patientenfall. In China ist die Kräutermedizin die wichtigste Methode innerhalb der Behandlungsverfahren der Chinesischen Medizin. Das Spektrum der dort zusammen mit Akupunktur mittels Kräuter behandelten Erkrankungen reicht von A wie Asthma bis Z wie Zahnschmerzen. Bei uns ist die chinesische Kräutermedizin noch nicht sehr verbreitet. Hier fehlt es noch an qualitativ hochwertiger Ausbildung der Therapeuten, während die Weichen für qualitativ hochwertige chinesische Kräuter zumindest hierzulande gestellt sind. Deutsche Apotheken sind nicht nur zur Identitätsprüfung, sondern auch zur Prüfung auf Verunreinigungen von Kräutern verpflichtet, daher gibt es zumindest von dieser Seite eine hohe Sicherheit für den Patienten. Das wurde von der Stiftung Warentest (Seite 294) leider auch etwas verzerrt dargestellt. Hohe Wirksamkeit wird im Rahmen der chinesischen Forschung, die wir am Lehrstuhl selbstverständlich auch verfolgen und einsehen von einer ganzen Reihe verschiedenster Erkrankungen berichtet. Was wir aus der eigenen Praxis in unserer Ambulanz für TCM bisher nachvollziehen können, ist, dass Erkrankungen des Verdauungsapparates, gynäkologische Erkrankungen wie Regelbeschwerden und Hauterkrankungen mit zum Teil beachtlichem Erfolg behandelt werden können. Bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen werden nach konventionell erfolgter Diagnostik mitunter mit sachgerecht angewandten Kräuterabkochungen oder Klistieren, bei nicht Ansprechen auf oder bei Vorliegen von gravierenden Nebenwirkungen gegen die konventionelle Therapie gute Behandlungsergebnisse erzielt. 5. Viele Patienten schwören gerade auf Akupunktur. Welche Krankheiten können damit gut behandelt werden? Auch hier bitte ein zwei konkrete Beispiele, einen konkreten Patientenfall. Haupteinsatzgebiet der Akupunktur ist die Schmerztherapie. Generell gilt: Akupunktur ist hilfreich bei allem was gestört und nicht zerstört ist. Hierzu zählen u.a. funktionelle Erkrankungen wie Migräne, Spannungskopfschmerz und chronische Lumbalgien ohne Nervenwurzelschädigung. Doch auch bei Erkrankungen bei denen Gewebe bereits zerstört ist kann Akupunktur eine hilfreiche begleitende Rolle spielen, z.B. Gonarthrose. 6. Kann die TCM auch bei akuten Krankheiten helfen? Ja, Akupunktur beispielsweise eignet sich gut zur Behandlung von akuten Lumbalgien bei denen keine Nervenwurzelirritation vorliegt. Auch eine Migräneattacke kann in einem frühen Stadium gut durch Akupunktur unterbrochen werden. 7. Wo liegen generell die Grenzen der TCM? Vor Beginn der Therapie sollte eine westliche Diagnose vorliegen. Dies ist unbedingt notwendig um zu vermeiden, dass durch den Einsatz der TCM eine schwer wiegende Erkrankung verschleiert und eine konventionelle Therapie verhindert wird. Der Einsatz der TCM muss integrativ geschehen, d.h. zusammen mit der konventionellen Medizin oder zumindest im Kontext der westlichen schulmedizinischen Diagnostik. Die Akupunktur ist ferner keine adäquate Behandlung für lebensbedrohliche Notfallsituationen. Bei psychiatrischen Patienten sollte bei der Akupunktur besondere Vorsicht geübt werden, um Selbstverletzungen und abnorme Reaktionen zu vermeiden. Bei Patienten unter gerinnungshemmender Therapie besteht ein erhöhtes Risiko von Hämatomen. Bei marcumarisierten Patienten sollten sehr tiefe Nadelungen etwa im Gesäß- und Lumbalbereich vermieden werden. Wunden und Areale mit Hauterkrankungen werden nicht genadelt. Patienten mit Kontaktallergien z. B. für Nickel oder Chrom können Reaktionen auf die Akupunkturnadeln zeigen. Unter Umständen ist dann keine Nadelung möglich. Die Akupunktur und insbesondere die TCM Arzneitherapie sollte nur von speziell ausgebildeten Therapeuten durchgeführt werden. Nur so kann gewährleistet werden, dass mögliche Nebenwirkungen vermieden werden. 8. Auch wenn mittlerweile die TCM in Deutschland ein hohes Ansehen bei vielen Patienten genießt, so gibt es dennoch bei der Mehrzahl der Patienten Vorbehalte: zu exotisch, hohes Risiko bei chinesischen Arzneimitteln, wenig sanft (Akupunktur)… Wie kann man das Vertrauen der Patienten in die TCM verbessern? Diese Aussage trifft so nicht zu: Zwei von drei Deutschen würden sich im Krankheitsfall am liebsten durch eine Kombination von Schulmedizin und Traditioneller Chinesischer Medizin behandeln lassen. Das ist das zentrale Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Instituts für Demoskopie in Allensbach, nach der sich aktuell 61 Prozent aller Bundesbürger für eine solche Kombinationsbehandlung entscheiden würden. Dagegen, so ein weiteres Ergebnis der Anfang September veröffentlichten Erhebung, bevorzugen lediglich 18 Prozent eine rein schulmedizinische Behandlung. Mehr als ein Drittel der Befragten, nämlich 31 % ist bereits mit Verfahren der Chinesischen Medizin behandelt worden, davon 26 % mit Akupunktur und 5 % mit anderen Verfahren der TCM. Die Allensbach-Studie liefert auch Hinweise darauf, dass der Trend zur Chinesischen Medizin mehr als eine Mode ist, denn die Zahl der Befürworter der so genannten Integrativen Medizin liegt bei TCM-erfahrenen Patienten mit 89 Prozent noch mal deutlich höher. Die ständig zunehmenden Studienergebnisse zeigen: Akupunktur ist bei verschiedenen Indikationen (Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Übelkeit u.a.) genauso wirksam oder sogar wirksamer als die konventionelle Therapie bei deutlich weniger Nebenwirkungen. Es ist anzunehmen, dass sich diese Ergebnisse zunehmend verbreiten. Für die chinesische Arzneitherapie, besteht noch ein großer Bedarf an wissenschaftlichen Studien. Die Tatsache, dass sich dieses Verfahren als Kernstück in der traditionellen chinesischen Medizin über mehr als 2000 Jahre behauptet hat, spricht meines Erachtens allerdings dafür, dass hierfür ein akzeptables Verhältnis aus Wirksamkeit und Nebenwirkungsprofil besteht. 9. Zusammenfassende Bewertung: Das Buch der Stiftung Warentest zum Thema Naturheilverfahren bietet für den Patienten, wie von den Herausgebern des Buches sicherlich in guter Absicht vorgesehen keine Hilfestellung für die Entscheidungsfindung bezüglich der Anwendung der „Anderen Medizin“. Die alleinige Beurteilung naturheilkundlicher Verfahren durch die bisher durchgeführten kontrollierten randomisierten Studien ist in dem Zusammenhang nur eingeschränkt hilfreich, da die Datenlage im Bereich der komplementärmedizinischen Forschung sowohl aus methodischen wie aus finanziellen Gründen z. Zt. noch unvollständig ist. Dies trifft übrigens auch für weite Bereiche der konventionell bewährten Medizin, wie z. B. der Chirurgie und der Pädiatrie zu. So hat die Stiftung Warentest durch dieses Buch eine wertvolle Chance vertan. Bei der Neu-Auflage ist der Stiftung Warentest zu empfehlen bei der Beurteilung von Naturheilverfahren nicht nur Methoden-Analysten sondern auch ein naturheilkundlich-erfahrenes Medizinergremium mit einzubinden.
Prof.
Dr. med. Gustav J. Dobos Informationen zum Buch: „Die Andere Medizin“ der Stiftung Warentest
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