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Chinesische Sexuallehren in der Medizin,
3.Teil: Ming Zeit: Die Lehre des Herzensvon Christine Bodenschatz-
Li
Die Ming Zeit (1368-1644), oft als konservative und besonders restriktive
Periode gedeutet, in der sich zum Beispiel das Einbinden der weiblichen
Füße endgültig durchgesetzt hatte, sah auf der anderen Seite viele
Neuerungen. Handel, Handwerk und Medizin blühten. Das Individuum und sein
persönliches Streben nach Glück wurde wichtiger genommen als je zuvor.
Weisheit und Erleuchtung sollte der Mensch durch Hören auf sein eigenes
Herz finden.
Bisherige Vorstellungen von Sexualität wurden in etwa folgendermaßen
kritisiert:
Beschreibungen von Sexualtechniken lesen sich oft wie Strategiemanuale.
Der solchermaßen beschriebene Weg des Yin und Yang geht von einem Krieg
zwischen Mann und Frau aus, den nur eine oder einer, gewinnen konnte. Dies
sei womöglich sogar wahr, aber keine dem gebildeten Menschen würdige
Vorstellung. Um dem Gegner in der sexuellen Schlacht die Essenz zu
entlocken, ohne sich selbst etwas zu vergeben, war es für die Adepten
notwendig, emotional unbeteiligt zu bleiben. So wie Laozi gesagt hatte:
"Die höchste Freude ist es, keine Freude zu empfinden."
Zur Ming Zeit erreichte eine neue neokonfuzianische Strömung ihre Blüte.
Die Lehre vom Herzen. Für die Anhänger dieser Lehre gab es keine Kluft
mehr, zwischen erregbarem Menschen Herz und einsichtigem Dao Herz, die
durch Askese und unablässiges Studium langsam überwunden werden musste.
Das Herz ist nicht der, bestenfalls passive, Spiegel eines äußeren
himmlischen Prinzips, sondern als fühlendes Herz der Ursprung aller
Weisheit.
Der Philosoph Wang Yangming erklärte:
"Das Herz ist kein Klumpen aus Fleisch und Blut.
Der Sitz jeder Empfindung und all unseres Wissens ist gerade das Herz.
Wenn die Ohren und die Augen Wissen und Sehen, wenn Hände und Füße
schmerzen und jucken, so stammt das Wissen und die Empfindung gerade aus
dem Herzen."
(Ruxue Tongdian, Eintrag: Xin)
Außerdem sagte er:
"Das eigentliche Wesen des Herzens ist gerade das himmlische
Prinzip (Li). Wenn das [ tief im Herz angelegte]
himmlische Prinzip sich erhellt und scharfsinnig empfunden wird, so nennt
man dies intuitives Wissen (liang zhi). (a.a.O.)
Alles Angelesene, auch wenn es aus den Klassikern selbst stammte, mache
nur Sinn, wenn es dem intuitiven Wissen entsprach. Andererseits waren
Empfindungen, gleich welcher Art nicht mehr Trübungen des Spiegels,
sondern die eigentliche Art des Herzens, sich zu äußern.
"Freude, Wut, Trauer und Lust und Gedanken und Wissen, sind alles
Emanationen des Herzens. Das Herz bildet ein System mit dem Charakter (xing)
und den Gefühlen. Der Charakter ist das Wesen des Herzens. Die Gefühle
sind die Manifestation des Herzens." (a.a.O.)
Selbst die von Zhu Xis Schule verpönten Begierden wurden zu
natürlichen Äußerungen des Herzens. Damit löst der Neokonfuzianismus
sich endgültig von Buddhismus und Daoismus.
Wang Yangming lehrt:
"Begierden entstehen aus Gefühlen, im Inneren des Charakters.
(Man kann nicht sagen, im Charakter gibt es keine Begierden. Begierden
sind nicht das schlechte aus dem schlecht-gut Antagonismus). Der Himmel
läßt die Menschen aus Blut, Qi, Herz und Gedanken entstehen, so kann er [
auch] nicht ohne Begierden sein. (nach Yang
Guorong, S. 332)
Die meisten Denker der Ming Zeit waren von Wang Yangming tief beeinflusst.
Sie wandten seine Lehren auf eine Vielzahl von Fragen an. Zum Beispiel die
Beziehung zwischen Mann und Frau, eine der "vier grundlegenden
menschlichen Beziehungen" der Konfuzianer. Der Philosoph, Li Zhi, der
leider, wie viele berühmte Denker der Ming Zeit, wegen seiner
unkonventionellen Gedanken ein schlimmes Ende nahm, schrieb:
"Zwischen Mann und Frau sind liebende Gefühle besonders tief. Das
kommt nicht nur durch die privaten Angelegenheiten des Kopfkissens, es
gibt auch den Nutzen, bei harter Arbeit und in schwierigen Situationen
zuhause Unterstützung zu haben. ..... (Ruxue Tongdian, S. 2050)
Auch in der Medizin wurde die Geschlechtspartnerin nun nicht mehr einfach
als "unheilvolles Wasser" oder Spenderin von Yin oder beides
angesehen. In erster Linie stand sie in einer sozialen Beziehung zum Mann,
als Ehefrau oder Konkubine.
Der Arzt Yue Fujia schrieb über die weit verbreiteten komplizierten,
meist astrologischen Berechnungen, um günstige Tage für die Befruchtung
auszuwählen:
"Dies entspricht nicht dem Weg und ist nicht die rechte Art der
Fortpflanzung. Außerdem ist dies nicht die richtige Art, menschliche
Empfindung zwischen Mann und Frau zu zeigen.(bing fei fu fu zhi yi yi)
Selbst bei einer Konkubine wäre es nicht passend. (Miao Yi Zhai Yi
Xue Zheng Ying Bian- Zhong Zi Quan Bian)
Die Beziehung zwischen Mann und Frau war hierarchisch. Jeder der
beiden hatte einen eigenen Wirkungskreis. Frauen, als Innen-Menschen waren
auch Spezialistinnen der Kammertechniken, deren Meinung und Sachverstand
es zu respektieren galt. Anstatt komplizierte Berechnungen für den
günstigsten Termin einer Befruchtung zu Rate zu ziehen, schlägt Yue
Fujia deshalb vor, die Frauen einfach selbst zu fragen, wobei er zu
Einfühlsamkeit und Taktgefühl rät.
"Zu der Zeit, wenn die sexuelle Begierde am höchsten ist, ist der
Uterus geöffnet wie eine Lotosblüte. Die Frauen, die sich beim Waschen
des Unterleibes innen betasten, wissen das selbst. Aber sie genieren sich
und sagen es nicht. Der Mann sollte sie im vertrauten Gespräch dazu
bringen, dies selbst zu sagen. (a.a.O.)
Die Daoisten hatten die Notwendigkeit, viele Frauen zu haben, damit
begründet, dass das Yin einer einzelnen Frau kein ausreichendes
Äquivalent für die kostbare Essenz des Mannes war. Yue Fujia kritisiert
auch diese Ansicht.
"Der Weg Kinder hervorzubringen, basiert auf der Essenz des Mannes
und dem Blut der Frau.
Das Yi Jing sagt: Mann und Frau vermählen ihre Essenz.
Bei Mann gibt es Yang Essenz. Gibt es etwa bei der Frau keine Yin
Essenz?......
Diese Essenz hat nichts mit dem eigentlichen Regelblut zu tun.. Im Moment
der vollkommenen Vereinigung ist sie immer vorhanden.....
Wie könnte das Yi Jing sonst nur sagen, Mann und Frau vereinen ihre
Essenz statt zu sagen, der Mann vereinigt seine Essenz, die Frau vereinigt
ihr Blut?" (a.a.O.)
Frauen, die selbst Essenz beisteuern, sind keine Vampire mehr, die den
Mann aussaugen wollen.
Dass der Mann versucht, seine Essenz zurückzuhalten, ist jedoch auch aus
einem anderen Grund unsinnig: In dem Moment, da der Mann sich erregt,
verlässt die Essenz ihre Position. Der Yang Strich im Trigramm Kan steigt
auf und es entsteht das Trigramm Gen. Das Zurückhalten des rein
materiellen Sperma-Ergusses kann diese Wandlung nicht mehr rückgängig
machen.
"Die die heutzutage von der Ernährung des Lebensprinzips
plaudern, sagen zumeist: [ man müsse]
das Yin sammeln, um das Yang zu füllen, lange kämpfen, ohne sich zu
leeren. Das ist ein großer Fehler.
Die Niere ist der Wohnsitz der Essenz. Immer, wenn Mann und Frau sich
vereinen, bringt dies unweigerlich die Nieren in Unruhe. Sind die Nieren
in Bewegung, so folgen Essenz und Blut und fließen. Obwohl sie nicht nach
außen geleert werden, hat die Essenz schon ihren Palast verlassen.
Auch wenn einer es schafft, hart und unbeugsam bleiben kann, treten doch
einige Tropfen der wahren Essenz aus. Wenn das Yang welkt, fließen sie
aus. Das ist die Erfahrung.
Wenn beim Feuer Rauch und Flammen entstanden sind, wie soll denn dann das
Brennmaterial noch zurückgewonnen werden?
Es ist nicht nur unmöglich, so die Essenz zu sammeln, auf Dauer entstehen
später andere Krankheiten." (a.a.O.)
Der Vollender der mingzeitlichen Medizin war in vieler Hinsicht der Arzt
Zhang Jiebin (1563- 1640), auch Jingyue genannt. Zhang war nicht nur Autor
vieler effektiver Rezepte und Behandlungsverfahren, unter anderem auf dem
bis dahin vernachlässigten Gebiet der Andrologie, sondern auch ein
äußerst vielfältig gebildeter Mann und glühender Anhänger der Lehren
des Philosophen Wang Yangming.
Für Wang Yangming war das Herz "mehr als ein Klumpen aus Fleisch und
Blut."
Alles Wissen und alle Weisheit war im menschlichen Herzen als intuitives
Wissen längst angelegt.
Er brauchte sich nicht durch Studium von Büchern und Meditation Weisheit
anzueignen.
Er brauchte auch nicht, mit dem mühsam Erworbenen zu geizen.
Stattdessen kam es darauf an, durch aktive Teilnahme am menschlichen Leben
das intuitive Wissen ans Licht zu führen.
Durch Bewegung, Emotionen, Liebe, Freundschaft, Kontakt mit schönen
Dingen, durch Wünsche und Leidenschaft erwachte das intuitive Wissen zum
Leben. Diese Bewegung war vom Yin ins Yang.
Unaufhörlich von unten nach oben wie die Linien des Yi Jing.
Dies war der Weg ins Leben. Der umgekehrte Weg führte in die Erstarrung,
in die leblose Materie. Wie das Sammeln von Büchern, ohne sie zu lesen.
Wie da Auswendiglernen von Klassikern, ohne das diese Widerhall im eigenen
Herzen fanden.
Der Arzt Zhang Jingyue übersetzte diese Gedanken in seine medizinischen
Lehren.
Der songzeitliche Meister der Yin Vermehrung Zhu Danxi war für ihn ein
"Mörder", über den er sich gar nicht genug aufregen konnte.
Das Verharren in Reglosigkeit mit der Unterdrückung sämtlicher
Emotionen, durch die das Yin bewahrt werden sollte, war für ihn kalt und
unmenschlich und der sicherste Weg in den Tod.
Sexualität, das Dao von Yin und Yang ist für ihn Teil des Dao der
Schöpfung. Er schreibt:
"Wenn die kreativen Kräfte von Himmel und Erde sich vereinigen,
treten die zehntausend Wesen rein in Erscheinung.
Wenn männlich und weiblich Essenzen sich vereinigen, werden die
zehntausend Wesen geboren.
Dies ist das natürliche Dao der Schöpfung.
Und dies ist ein Dao des Nicht Handelns und nicht Denkens.
So gibt es das Dao von Mann und Frau wo immer es das Dao des Menschen
gibt."
(Quan Shu, S. 875)
Yang und Yin mussten im ständigen Wechsel bleiben.
Zhang Jingyues berühmtester Lehrsatz lautet:
"Der, der gut darin ist das Yin zu mehren, sucht es im Yang. Der,
der gut darin ist, das Yang zu mehren, sucht es im Yin."
An anderer Stelle schreibt er:
"Deshalb können die, die gut darin sind, die Essenz zu behandeln,
inmitten der Essenz Qi entstehen lassen. Die die gut darin sind, das Qi zu
behandeln, können inmitten des Qi die Essenz entstehen lassen." (Quan
Shu, S. 50-51)
Zhang Jingyue war vehementer Gegner der daoistischen Methode, die Yin
Essenz möglichst vieler junger Frauen zu "pflücken".
Als Anhänger der Herz Schule des Neokonfuzianismus betonte Zhang einen
ganz neuen Aspekt der Sexualität: Die Beteiligten, auch die Frau (!),
sollten glücklich und spontan sein, statt nur künstlich körperlich
erregt.
Dann nämlich senkte sich das Qi ins Yin und stieg von dort spontan wieder
auf. Dies war der natürliche Weg der Erregung.
Deshalb sollte ein Mann auch keine Konkubinen nehmen. Erstens machte er
damit seine Ehefrau unglücklich. Zweitens würde sich das familiäre
Unglück auch auf die Konkubine auswirken, die nun ebenfalls unglücklich
und verängstigt wäre und dadurch letztendlich genauso wenig als
Partnerin geeignet war, wie vorher die verschmähte Ehefrau.
Durch ein unglückliches und erregtes Herz blieb das Qi im Herzen
blockiert und konnte nicht ins Yin der Nieren sinken. Das Qi kam nicht an.
Die spontane Erregung blieb aus.
Der häufig praktizierte Weg, das Herz künstlich überzustimulieren, zum
Beispiel durch Aphrodisiaka und pornographische
"Frühlingsbilder", erregte zuerst das fürstliche Feuer
übermäßig und das Ministerfeuer loderte als Resonanz unruhig und
überhitzt auf. Durch diese Überhitzung verlor die Essenz ihre Position,
wurde verkocht oder rutschte als tote Materie nach außen.
Austretende Essenz- bzw. das Sperma, konnte, je nach Grunderkrankung,
viele unterschiedliche Formen annehmen: Folgerichtig findet sich bei Zhang
Jingyue eine Art "Sperma- Diagnostik", die auch in der heutigen
Behandlung von sexuellen Funktionsstörungen und Fertilitätsstörungen
sehr hilfreich ist.
Auch wenn der Mann zum Schluss seine vermeintliche Essenz zurückhielt,
verkochte diese innerlich. Denn bereits im Moment der Erregung verließ,
wie wir von Yue Fujia gelernt haben, die Essenz ihre Position und war
verloren.
Auch völlige Askese war für ihn kein Weg: Wenn der Mann sich mühsam um
Askese bemühte und seine spontanen Begierden unterdrückte, entstand
Kummer und damit Feuer und die mühsam gesparte Essenz verkochte wiederum.
Auch andere abkühlende und Yin- sparende Methoden (Studium statt Unzucht;
kühlende Drogen) songzeitlicher Ärzten wie Zhu Danxi fand Zhang Jingyue
äußerst bedenklich:
Bei Qi Schwäche durch geistige Erschöpfung (zuviel Studieren!) ging
Essenz verloren.
Kühlende Drogen leiten die Essenz nach unten aus, wodurch sie verloren
geht, ohne jemals ihren Weg ins Yang zu finden.
Die Vorstellung von der schädlichen Wirkung der Sexualität war zu allen
Zeiten tief in der chinesischen Tradition verwurzelt. Daher kam auch Zhang
Jingyue nicht umhin, seine Meinung dazu abzugeben. Für ihn gab es eine
richtige und eine falsche Art der sexuellen Vereinigung:
Die falsche kommt der von Zhu Danxi so gefürchteten sehr nahe. Sie ist
kein Weg des Nichthandelns, sondern erzwungen, das heißt von außen
stimuliert. Die Unruhe des Herzens entspricht nicht dem intuitiven Wissen
sondern kommt von äußerlichen Reizen, die in das Herz einsinken und dort
eine Art Hitzestau bewirken, der die Nieren bedrängt. Dies ist oft der
Weg der Künstler und Intellektuellen und führt zu nichts Gutem.
Hierin gibt Zhang dem verhaßten Zhu Danxi recht.
Aber es gibt auch einen richtigen Weg der Vereinigung. Er ist spontan. Ist
der Mensch glücklich und unbehelligt von Sorgen, wird das Qi nicht im
Herzen blockiert, sondern sinkt nach unten ins Wasser. Bewusste Gedanken
machen dem intuitiven Wissen Platz.
Nun geht der eigentliche Weg des Yang, wie er von der Herzschule
beschrieben wird, von unten nach oben, aus dem Intuitiven heraus ans
Licht.
In einem langen Kapitel über die Voraussetzungen der geglückten
Vereinigung von Yin und Yang schreibt Zhang Jingyue:
"...Jedoch die künstlerischen und sophistizierten Herrschaften
folgen oft dem Weg des Erzwungenen, deshalb sind sie häufig leer und
erschöpft.
Wie soll da gar von Nachkommen gesprochen werden.
Die schlichten und einfachen Gesellen handeln gewöhnlich spontan.
Deshalb sind sie körperlich reichlich ausgestattet.
Wie brauchen sie sich Gedanken um ihre Nachkommenschaft zu machen?
Wisse um diesen Mechanismus, edler Herr!
Es ist der wahre Mechanismus, den Weg des Yang zu unterstützen."
(Quan Shu, S. 876)
Einsicht in die chinesischen Quellen erhalten Interessierte im Centrum
für chinesische Medizin und Lebensart:
Christine Bodenschatz-Li
Centrum für chinesische Medizin und Lebensart
Mittelweg 24
20148 Hamburg
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