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Ernährungsmedizin Yaoshan - Teil 2

von Christine Bodenschatz- Li

Dieser Beitrag erscheint in drei Teilen

Teil 1

Teil 2

Teil 3


Nahrung und chinesische Medikamente

Nach traditionellem chinesischem Verständnis besteht zwischen Nahrungsmitteln und Medikamenten kein grundsätzlicher, sondern nur ein gradueller Unterschied: Qi-regulierende (öffnende, ausleitende, erhitzende, kühlende, bewegende, etc.) Medikamente wirken oft in geringeren Dosierungen. Hinzu kommt der manchmal unangenehme und fast immer sehr ausgeprägtere Geschmack solcher Medikamente. Dies trifft auch auf die meisten Gewürze, wie Ingwer, schwarzer Pfeffer und Zimtrinde zu, die ganz folgerichtig ebenso zu den Medikamenten gezählt werden können und auch werden.
Intensiverer Geschmack bedeutet meist auch intensive medizinische Wirkung. Die chinesische Medizin spricht von "Giftigkeit".
Andererseits gibt es Medikamente, die zwar auch in großen Dosierungen noch mild und "harmlos" schmecken wie zum Beispiel Jujuben "rote Datteln", Ginseng oder tierische Produkte, die aber, richtig kombiniert, schon in geringer Menge tonisierende Wirkungen zeigen. Tonisieren heißt Nähren. Solche Medikamente können als Nahrungsmittel im engeren Sinne bezeichnet werden und sind Lieblingszutaten des Yaoshan.
Das fließende Ineinanderübergehen von Qi-regulierenden Medikamenten im engeren Sinne (meist Kräutern) und tonisierenden Medikamenten-Nahrungsmitteln, die gemeinsam zum Kochen benutzt werden, ist eine Besonderheit von Yaoshan. Entscheidend dabei ist, dass die Zutaten nicht einfach als Würzkräuter, sondern unter genauer Beachtung ihrer medizinischen Wirkung eingesetzt werden. Sie können dabei die Eigenwirkung der Hauptzutaten eher neutralisieren, wie in guter Alltagsküche; sie können diese aber auch verstärken oder in bestimmter Weise modifizieren wie beim Yaoshan.
Ein Beispiel für das Neutralisieren ist die Gewohnheit, grüne Gemüse oder Tofu mit Ingwer oder Knoblauch zu verbinden. Die nasse und kühlende Hauptzutat wird dadurch getrocknet und gewärmt und der Verdauungsbereich, Milz-Magen vor Kälte geschützt.
Ein Beispiel für eine einfache verstärkende Kombination ist die klassische Hühnerbrühe,am besten vom Schwarzfußhuhn mit Radix Angelicae sinensis, Danggui, bei der beide Zutaten das Blut nähren. Wie zu erwarten wird diese Brühe gerne zur Verjüngung und bei Haarausfall und Wechseljahrsbeschwerden getrunken.

Die gute Erde

Der Erde entspricht die Farbe Gelb, aber auch braun.
In der Erde sind Yin und Yang ausgewogen und in Harmonie. Nimmt das Yang der Erde zu, werden wir viel essen und gieren förmlich nach Reizen, Magenhitze. Nimmt das Yin der Erde zu, werden wir satt und träge ohne viel zu essen, Schwäche des Milz-Qi.
Die Erde, Milz und Magen, ist das Zentrum unserer Energie und der Stoffwechselprozesse. Die Funktion der Erde ist es, die Nahrungsmittel so zu verarbeiten, dass sie ihre jeweilige Funktion erfüllen können. Es heißt, sie "destilliert" die Nahrungsmittel, so dass das klare Qi aufsteigt. Je nach energetischer Qualifikation, von uns wahrgenommen als Geschmack, findet das klare Qi durch Affinität von selbst zu den entsprechenden Zang-Organen, sauer zur Leber, bitter zum Herzen, ...
Die Menge der aufgenommenen Nahrung sollte dem vorhandenen Qi entsprechen. Sind wir reich an Qi, können wir viel essen, auch Qi-arme, wenig wertvolle Nahrung. Je stärker die Erde ist, umso mehr kann sie verarbeiten. Solche Menschen sind freundlich und gerundet, aber dabei klar und stark. Der "Dickbauchbuddha" symbolisiert in China diese Fähigkeit, selbst schlechte und schädliche Einflüsse und Nahrungsmitteln in klares Qi zu verwandeln. Diese Fähigkeit des Milz-Qi sollte von gewöhnlichen Menschen nicht überstrapaziert werden.
Qi-arme Nahrung, hastiges Essen, unregelmäßige Mahlzeiten und sinnloses Gerede und Gegrübele schädigen die Erde.
Ist die Erde erst geschwächt, werden wir schnell müde und schlapp. Gleichgültig wie viel wir essen. Unsere Gliedmaßen werden kühl und schlapp und unser Geist müde und benebelt, die Organfunktionen werden schleppend und die ihnen zugeordneten "Seelenaspekte" werden geschädigt. Eine solche Erde wird durch ein zuviel an Nahrung, auch geistiger, sehr schnell zugemüllt: Übergewicht, bei ständigem Hunger, da es ja an Qi fehlt, und ein konfuser Geist sind die Folge.
Gute Nahrung muss daher zuallererst die Erde stärken. Je schwächer die Erde ist, zum Beispiel durch unregelmäßiges Essen oder intensive geistige Tätigkeit und nutzloses Grübeln, umso mehr muss der Erde der Destillationsprozess erleichtert werden. Wir tun dies durch kochen.

Milz-Qi und Milz-Yang in Gefahr

Die Stoffwechselvorgänge im Menschen sind der Erde zugeordnet.
Die Erde ist von zentraler Bedeutung für alle anderen Funktionen und wird auch "die Mitte" genannt. Yan Yonghe, ein berühmter Arzt, hat die Milz einmal mit einem Kochtopf verglichen, der über einem Feuer hängt. Unter dem Topf ist das wärmende Verdauungsfeuer, gespeist vom Mingmen. Ohne dieses Feuer können die unterschiedlichen Energieformen der Nahrung und der Medikamente, als Geschmäcker bezeichnet, nicht gereift, vergoren und destilliert werden.
Wird zuviel kalte Nahrung in den Topf gegeben, sinkt die Temperatur des Verdauungsfeuers, sodass nichts mehr verwertet werden kann. Das Übermaß an unverarbeiteter Nahrung kommt unseren Lebensfunktionen nicht zugute: Wir werden schlapp. Im Gefolge des Mangels an Qi und der Stagnation von Qi kommt es zu Nahrungs- und Feuchtigkeitsstagnation.

Der berühmte Schleim

Stagnieren Feuchtigkeit und Nahrung, entsteht sehr bald auch Schleim. Schleim, tritt in sehr vielen Formen auf und ist oft äußerst schwer zu behandeln. Übergewicht ist per Definition eine Schleimkrankheit. Solcher Schleim wird meist, aber nicht immer, intensiviert durch chronische Nahrungsstagnation. Aber auch sehr dünne Menschen können an Schleim (-Hitze) erkrankt sein. Da jede Form der Stagnation von Qi zur Bildung von Schleim führt, findet sich bei chronischen und schweren Erkrankungen immer auch Schleim.
Die beste Vorbeugung gegen unterschiedliche, durch Qi-Mangel und Qi Stagnation hervorgerufene Schleimerkrankungen besteht darin, auf Qi-arme Nahrungsmittel zu verzichten. Dazu gehören vor allem industrielle oder nicht mehr frische Nahrungsmittel.
Bei konstitutionsbedingter Milzschwäche, dies betrifft vor allem Kinder (!) und Menschen, die zuviel geistig arbeiten sollten feuchte und kalte Nahrungsmittel reduziert werden, die bei Überdosierung die Milz schnell schädigen können. Dazu gehören Zucker, gezuckerte Milchprodukte, Quarkspeisen, Bier, kalte Säfte, Limonaden und Eiskrem, die alle nicht nur kalt und feucht, sondern vor allem auch Qi-arme Nahrungsmittel sind.
Die kurze Aufzählung kalter und feuchter Nahrungsmittel lässt ahnen, dass gerade Kinder sehr gefährdet sind. Kinder wachsen und lernen pausenlos. Ihre Milz ist sehr stark gefordert und sie haben einen hohen Qi-Bedarf. Kinder entwickeln schnell pathologische Hitze und die Hitze "frisst das Qi". Von Unmengen von kühlenden und süßen Säften und Milchprodukten abgesehen, die sie wegen ihrer Hitze gierig zu sich nehmen, erhalten gerade sie in Deutschland fast nur völlig Qi-freie "Gläschen" und Pülverchen!
Konzentrationsschwäche, Übergewicht, Müdigkeit, Kopfschmerzen, aber auch Allergien, Verdauungsstörungen, Angina und Mittelohrentzündung sind die nahezu unausweichlichen Folgen.

Exkurs: Die böse Milch, ein häufiges Missverständnis:

Chinesische Mediziner raten nicht grundsätzlich von Frischmilch und frischer Sauermilch ab: Milch befeuchtet und nährt das Blut und gilt als erstklassiges Tonikum! Wer an Trockenheit leidet, sollte daher Milch trinken. Aber Achtung: Viele Hautkrankheiten sind feuchtigkeitsbedingt, auch solche, die sich als schuppige Verdickungen äußern.
Generell sollten Tonika nicht literweise, sondern löffelweise konsumiert werden. Im Übermaß bewirken alle befeuchtenden Tonika Nässe und Stagnation. Ist es bereits zu Nässekrankheiten gekommen, und dies geht bis zu Parästhesien durch feuchte Wärme, müssen alle diese Nahrungsmittel (inklusive Milch und Milchprodukte) streng gemieden werden und die Nässe durch aromatische Substanzen aufgelockert werden.
Die besonders bei TCM-Neulingen so verpönten feuchten und kalten oder rohen Nahrungsmittel sind nicht die einzigen Ursachen von Schleim. Vielleicht noch nicht einmal die häufigsten. Schlimmere Schleimstörungen haben meist mit Hitze zu tun.

Gefährlicher Schleim: Kräuter und Ernährung

Hitze und Schwäche des Yin sind die schwer zu behandelnden Ausgangspunkte besonders hartnäckiger und schwer zu behandelnder Schleimentwicklungen. In solchen Fällen, vor allem wenn es zu Störungen gekommen ist, die eiliger Behandlung bedürfen, sind Kräuterbehandlung, oder "verschärftes Yaoshan" angezeigt.

Chronischer Schleim: Akupunktur, etwas Eigenliebe und Ernährung

Für die langfristige Behandlung chronischen Schleimes, ob heiß oder kalt, gilt ein Ausspruch des songzeitlichen Arztes Yan Yonghe:

"Wer gut in der Schleimbehandlung ist, reguliert das Qi."

Hier ist Akupunktur eine probate Methode, unterstützt von Qi-reichen, frischen und häufig variierten Nahrungsmitteln und regelmäßiger Bewegung in Abwechslung mit ausreichender Ruhe.

Magen-Yin-Schäden und Yin-Feuer

Im Verdauungstopf muss genügend Flüssigkeit sein, sonst brennt alles an. Diese Flüssigkeit heißt Magen-Yin. Zu viele heiße Nahrung, Reizüberflutung, aber auch Stress und Aufregung, das Holz greift Erde an, oder bestimmte Medikamente, heutzutage auch Lebensmittelzusatzstoffe schädigen das Yin des Magens. Wir bekommen einen brennenden, schmerzenden Magen, Mundgeruch, schlechte Zähne und saures Aufstoßen und ein faltiges Gesicht.
Vielleicht sollte hier noch angemerkt werden, dass Feuchtigkeitsstagnation, Verschleimung und ein heißgebrannter "Magenkochtopf" sich nicht etwa ausschließen!
Gerade bei Frauen, die einerseits häufige Abmagerungsversuche unternehmen (Qi-Mangel), daneben aber ein anstrengendes Leben führen (noch mehr Qi-Mangel), ist die Kombination von Verschleimung und Magen-Yin-Defizit sehr häufig. Im Einzelnen können die energetischen Mechanismen bei Essstörungen (häufige Diäten und Kalorienzählen sind eine Essstörung) sehr kompliziert sein. Die Art der Nahrung, die Psyche, Angst und Schrecken, die allgemeinen Lebensumstände, die angeborene Konstitution und vieles andere spielen hier eine Rolle.
Li Gao, der Begründer der Schule der Mitte, hat sein Lebenswerk dieser komplexen Problematik gewidmet. Dabei fand er einen häufigen Mechanismus: Mangel an Qi führt zu Stagnations-Hitze (einer besonderen Form von Hitze, von Li Gao als "Yin-Feuer" bezeichnet) und Hitze "frißt das Qi".

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